Sonntag, 28. Juni 2015

Gelesen: Friedrich Torberg - "Die Tante Jolesch. Der Untergang des Abendlandes in Anekdoten"




Vorgeschichte:


Während unseres Urlaubs in Altaussee im Frühjahr 2015 besuchten wir auch den Friedhof und entdeckten auf den Gräbern zahlreiche prominente Namen. Wir bemerkten nicht, dass wir beobachtet wurden, wie wir ein Grab nach dem anderen begutachteten und über die bekannten Persönlichkeiten sprachen. Ein Einheimischer trat auf uns zu und bot uns wegen unseres Interesses, das er bemerkt habe, an, mehr über Altaussee zu erzählen. Wir lauschten gespannt lange Zeit den vielen interessanten Erzählungen (über den Ort selber, über Prominente, über Künstler, über Architektur, über Natur, über Künstler) dieses uns unbekannten Herren und schließlich lud er uns ein, sein Haus zu besuchen. 

Es stellte sich heraus, dass dieser gebildete und beredte Herr der ortsansässige Künstler Prof. Horst K. Jandl war und wir die "Königsgarten Villa" der Via artis betreten durften, die sein Zuhause ist und wo unter anderem auch der Schriftsteller Friedrich Torberg gewohnt hatte.
Wir erhielten enorm interessante Einblicke in das Schaffen von Prof. Jandl, der uns durch sein Atelier führte und uns einen unvergesslichen Einblick in seine Welt verschaffte. Wir durften schließlich auch Werke seiner ebenfalls künstlerisch tätigen Tochter Karen Kuttner Jandl bewundern. Nach längerer Zeit wurden wir mit der Empfehlung für das Literaturmuseum verabschiedet.
Diese Begegnung war so intensiv, dass mir von all den Eindrücken - das geschichtsträchtige Haus, die Gemälde, die Erzählungen, der interessante Künstler selber - am Abend noch ganz schwummerig war. Auch beim Besuch des Literaturmuseums später waren die von Prof. Jandl erhaltenen Erläuterungen sehr bereichernd. 


Bis jetzt hatte ich noch nichts von Friedrich Torberg gelesen, doch als ich nun ein Werk von ihm in meinem Bücherregal entdeckte, kam sofort die Erinnerung an das Altausseer-Erlebnis und ich habe mich gleich der Lektüre gewidmet. Etwas rätselhaft ist mir jedoch, wie dieses Buch in meine Bibliothek gekommen ist, denn ich kann mich nicht an einen Kauf erinnern und all meine Buch-Quellen bestreiten, dass sie es mir geborgt oder geschenkt hätten.


Zum Werk:

Friedrich Torberg beschreibt in feiner Sprache das Leben des jüdischen Großbürgertums in der Zwischenkriegszeit im Raum der ehemaligen k.&k.-Kaiserreich-Ländern und bringt Episoden der zahlreichen jüdischen Künstler vor dem 2. Weltkrieg. Er erzählt unzählige Anekdoten im Kaffeehaus-Plauderton, die dem Leser einen kleinen Einblick in die jüdische Gesellschaft gestattet. Die prominenten Namen sind zahlreich und auch der jüdische Humor ist wunderbar dargestellt: keine platten Schenkelklopfer, sondern hochintelligent, immer zweischneidig mit viel Selbstironie. Zahlreiche bekannte Namen tauchen in seiner Erinnerung auf, um wieder in den schwarzen Zeiten der Naziherrschaft zu verschwinden, manchmal gibt es einen leichten Nachklang der alten Zeit im Exil oder bei der Rückkehr. Bei jeder Geschichte schwingt immer der melancholische Ton mit, dass auch nach der schrecklichen Zeit diese Atmosphäre für immer verloren ist.
Was mir neben den interessanten Kaffeehaus-Stimmungsbildern dieser Zeit aufgefallen ist, war die Nichterwähnung der nichtjüdischen Bevölkerung in diesem Werk und die völlige Ignoranz der schlechten Lebensbedingungen z.B. der einfachen Arbeiter in dieser Zeit. Dadurch entsteht der Eindruck eines elitären Kreises, der nicht einer gewissen Arroganz entbehrt. 
Wenn man als Leser doch einige Orte kennt, die der Autor beschreibt, fällt es noch leichter die Stimmung nachzuvollziehen und dies war hier bei mir oft der Fall.


Ein empfehlenswertes Buch für Leser, die einmal in die "gute alte" Zeit der legendären Wiener Kaffehauskultur schnuppern möchten und die etwas von den bekannten Wiener Künstlern abseits der trockenen Biografien erfahren wollen. 



Fazit: interessant, nachdenklich machend, humorvoll, geistreich
Bewertung: 5 von 5 Sternen

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